Die Anregung, das sinfonische Märchen „Peter und der Wolf“ zu komponieren war von der Direktorin und künstlerischen Leiterin des Kindertheaters Natalja Iljinitschna 1936 ausgegangen, die sich temperamentvoll für die künstlerische Erziehung der Jugend einsetzte und bereits in jungen Jahren im Auftrag von Lunatscharskis der Arbeit mit Kindern gewidmet hatte.

Prokofjew war so fasziniert von der Idee einer lustigen Vorstellung, in der die lebendige und spannende, durch einen Sprecher vorgetragene Erzählung auf natürliche Weise mit der Musik wechselt und jede handelnde Person durch die Klangfarbe eines bestimmtes Musikinstruments charakterisiert wird, daß er für die gesamte Komposition nur vier Tage benötigte.

Die geistvollle, lebensfrohe Musik dieses Märchens erfüllt gleichzeitig auch eine pädagogische Aufgabe – sie macht die jungen Hörer mit dem Klang der einzelnen Orchesterinstrumente vertraut. Prokofjew ging es darum, die Kontraste in der Art „Wolf – Vogel“, „böse – gut“ und „groß – klein“ anschaulich herauszuarbeiten.

Die Profilierung der Charaktere geht dabei Hand in Hand mit der Profilierung der verschiedenen musikalischen Klangfarben, und außerdem ist jeder Person der Handlung ein Leitmotiv zugeordnet. Gerade dieser Punkt macht die Aufführung des Märchens am Klavier zu einem mehr als plausibeln Ereigniss. In dem Fall muss der Pianist die verschieden musikalischen Themen so darstellen als würde er ganz verschiedene Instrumente spielen.

Prokofjew spielt für Kinder sein Märchen "Peter und der Wolf" im Zentralen Kindertheater in Moskau.

Prokofjew spielt für Kinder sein Märchen „Peter und der Wolf“ im Zentralen Kindertheater in Moskau.

Die Helden dieses Märchens wirken alle ungemein lebendig. Der entschlossene und mutige Pionier Peter wird durch das Quartett der Strichinstrumente repräsentiert – „sie sind eben in ihren Möglichkeiten am vielseitigsten“, meinte der Komponist hierzu. Für die Gestalt des brummigen, aber gutmütigen Großvaters übernimmt das Fagott die Charakterisierung. Die geschmeidigte Bewegung der Katze findet ihre musikalische Entsprechung in einem Staccato der Klarinette in der tiefen Klanglage, während die Flöte den umherflatternden kleinen Vogel musikalisch zeichnet. Die Jäger schießen auf den Wolf „mit Hilfe“ der Pauke und der großen Trommel, das eigentliche Auftreten dieses schrecklichen Waldräubers vom Klag dreier Hörner begleitet wird.

Prokofjew hatte mit seinem Werk genau jenen vertraulichen, herzlichen Ton getroffen, der einfach unumgänglich ist, um die die Kinderherzen zu erreichen. Das Märchen „Peter und der Wolf“ wurde sehr bald zu einem der meistaufgeführten Werke Prokofjews und brachte in den verschiedensten Ländern der Welt Kinder und Erwachsene mit der Welt der sinfonischen Musik in Kontakt. Die Partie der Erzählers in dieser fröhlichen Geschichte, die berichtet, wie es Peter gelang, den Wolf zu überlisten, wurde in der Folgezeit von sehr bekannten Schauspielern wie Gérard Philipe, Wera Marezkaja und Eleonore Roosevelt übernommen. In Deutschland ist die Aufnahme für Deutsche Grammophon von Daniel Baremboim mit der English Chamber Orchestra und der Stimme von Loriot am bekanntesten.

(Artikelfoto und Textquelle: Sergej Sergejewitsch Prokofjew“ von Natalja Pawlowna Sawkina. 1993. B. Schott´s Söhne, Mainz BSS 47615).