Zum zehnten Quadriga-Geburtstag wird zu Füßen Brunonias konzertiert und gelesen.

Von Rainer Sliepen Braunschweig.

Eine samtige Abendsonne streichelt die Haut. Pastell-blauer Himmel. lm lauen Lüftchen flattert ein Paar graublauer Taubchen. Doch plötzlich scheint die eben noch weiche Luft zu vibrieren. Eine gefühlvolle Melodie klingt auf. Spanisch, unverkennbar. Mit spannungsvoll gedehnten Tonfolgen, die Leidenschaft, Liebe und Lust versprechen.


Wo sind wir? ln einer spanischen Bodega? Am Meer? Wir sind rund 30 Meter über Braunschweigs City. Auf dem Dach des Schlosses. Direkt über uns die mächtige Quadriga mit Braunschweigs Schutzgöttin Brunonia im Streitwagen. Fast venneint man den heißen Atem · der vier mächtigen Schlachtrösser zu spü-ren. Zehn Jahre thronen sie nun über ihrer Bevölkerung und sind längst in die Reihe der Stadtdenkmäler aufgenommen.


Ein Anlass zum Feiern, meint die Leiterin des Schlossmuseums Ulrike Sbresny. Da ist eine Veranstaltungsreihe mit dem Titel „Sommernächte auf der Quadriga“ angemessen. Zum Auftakt Klaviermusik mit dem Pianisten Juan Peñalver aus Madrid.

Nicht mehr als 40 Zuhörer kommen in den Genuss des exklusiven Konzerts. Mehr erlauben die Sicherheitsbestirnmungen nicht. Das Publikum ist bunt gemischt. Alle Generationen. Hier und da nackte Haut, modisch die einen, die anderen salopp im bequemen Tuch. Entspannte Gesichter. Man plaudert. Der Begrüßungssekt perlt.


Und dazu lässt der Pianist den Spanischen Tanz Nr. 5 aus „Andaluzza“ von Enrique Granados (1867-1916) erklingen. Eine schwebende träumerische Melodie, die sich pathetisch entfaltet und gleichzeitig durchwirkt ist von zarter Melancholie und drängendem Begehren. Das ist die Suggestion der Musik. Trotz gedämpftem Verkehrslärm. Ein Martinshorn, ein aufheulendes Motorrad dringen herauf. Und dennoch spanische Visionen. Schöne Frauen. Geheimnisvolles Lächeln. Feurige Blicke über kokett gespreizten Fächern. Das kann nur Musik, die aus dem Herzen kommt.


Auch der Kubaner Ernesto Lecuona (1895-1963) hat in seiner „Suite Andalucia“ die Atmosphäre der Landschaft Andalusiens in Rhythmus und Farbe eingefangen. Schon die Titel der Sätze muten wie Musik an. ,.Cordoba“, .,Gitanerias“, „Alhambra“. Fiesta, sich drehende Paare im Flamenco, knallende Stiefelabsätze, schmachtende Augen, gewaltige Paläste, schwüle Nächte, plätschernde Brunnen.


Dass dieses romantische Inventar nicht zu einem kitschigen Abziehbild gerät, ist Peñalver zu verdanken. Mit seiner sentirnentalitätsfreien Interpretation, knappem Pedal und spannungsvoller Phrasierung entstehen leuchtende Bilder in lichtdurchflossener Strahlkraft. Nach ausgedehntem Smalltalk die „Rhapsody in Blue“ von George Gershwin. Da breiten sich die Visionen des Komponisten mit heiterer Leichtigkeit aus, swingen mit rhythmischer Intensität über die Dächer Braunschweigs und verlieren sich im Schönwetterdunst der untergehenden Abendsonne.


Bravo für die pianistische Eleganz Juan Peñalvers. Bravo für den wunderbaren Konzerteinfall.